
(dk/ab). Tagesschau vor 25 Jahren: Am 12. Dezember 1979 wird der 'Nato-Doppelbeschluss' verkündet. Damit sollen in Europa, auch Westdeutschland, modernste atomare Mittelstreckenraketen stationiert werden, Zielrichtung Osteuropa. Im Herbst 1981 protestieren knapp 300.000 Menschen in Bonn gegen diese Nachrüstung, kurze Zeit später beginnen erste Abrüstungsgespräche zwischen den USA und der Sowjetunion.
Mitten in dieser Zeit, 1980, wird der Kreis Coesfeld in ein deutschlandweites Netz von Katastrophenschutz-Einheiten eingebunden. Im Kalten Krieg lag eine mögliche Kampffront genau in der Mitte Deutschlands, zwischen BRD und DDR. Die Gefahren, die im schlimmsten Fall, einem neuen Krieg, zu befürchten waren, werden in den Namen dieser Einheiten zusammengefasst: Die Atomare, Biologische und Chemische Bedrohung der gesamten Bevölkerung.
25 Jahre später, im Jahre 2005, gibt es einen guten Grund zu feiern: Das Jubiläum, die Arbeit der letzten Jahre, die Leistung der ehrenamtlichen Mitglieder, daneben aber auch das Stück 25-jähringer Weltgeschichte ohne Atomkrieg und Katastropheneinsatz. Einmal nur gefährdete den Kreis Coesfeld in dieser Zeit das A in Form von verstrahltem Staub, den ein LKW nach dem Reaktor-Unfall in Tschernobyl 1986 aus Osteuropa mitgebracht hatte. Kameraden des ABC-Zuges rückten aus und reinigten das Fahrzeug.
Am 6.3.1980 einigten sich das Regierungspräsidium Münster, der Kreis Coesfeld und die Stadt Dülmen mit dem damaligen Wehrführer des Freiwilligen Feuerwehr Dülmen, Karl-Heinz Friesen: Die ABC-Einheit für das Kreisgebiet Coesfeld soll aus Männern der Feuerwehr Dülmen zusammengestellt werden.

In kürzester Zeit, bereits Anfang Juni 1980 wurde ein erstes Fahrzeug im typischen Orange an den ABC-Zug übergeben: das DMF (Dekontaminations-Fahrzeug), vollgepackt mit Gerätschaften um im Fall der Vergiftung von Menschen und Umwelt eingreifen zu können.

In den folgenden Jahren, in denen weitere kleine Fahrzeuge
folgten, mussten immer wieder neue Mitglieder für die speziellen Aufgaben und
die besondere Technik ausgebildet werden. Viele Ehrenamtliche aus Dülmen,
besonders die den Katastrophenschutz als Ersatzdienst Leistenden, haben seit
dieser Zeit sowohl den Feuerwehrdienst als auch den ABC-Dienst als doppelte
Anforderung und Spezialausbildung versehen: Brandbekämpfung und Hilfeleistung
auf der einen Seite, Dekontamination und Katastrophenschutz auf der anderen
Seite.
Die enge Verbindung von Feuerwehr und Gefahrstoffzug ist bis heute erhalten geblieben und hat viele Vorteile mit sich gebracht. Heute sind alle Mitglieder der Katastrophenschutzeinheit Feuerwehrkameraden aus Dülmen. Der ehemalige zweite Zugführer, Uwe Friesen, ist heute Stadtbrandinspektor, sein Nachfolger im ABC-Zug, Günther Reuver, ist heute Teil der Zugführung in Dülmen-Mitte. Ein großer Teil des Materials und der Fahrzeuge ist im dortigen Feuerwehrgerätehaus zentral stationiert.
Ab 1994 übernahm Georg Kersting als Zugführer die Leitung der Einheit, kurz danach kam Paul van der
Burg als sein Stellvertreter dazu.

Besonders unter ihrer Leitung ist der Umbau des alten ABC-Zuges gelungen. Nachdem die Atomkriegsgefahr lange
überwunden war und die verringerte Finanzierung durch den Bund viele alte
ABC-Einheiten hat verschwinden lassen, stellte sich die Frage nach einer
konzeptionellen Neuausrichtung.
Kersting, hauptberuflich Leiter der Kreisleitstelle in Coesfeld, und van
der Burg, Mitglied der hauptamtlichen Feuerwache, veränderten gemeinsam mit den
Gruppenführern die Einsatzkonzepte und verbesserten die technische Ausstattung
in jahrelanger Arbeit. Die in jüngster Zeit neu hinzugekommenen zwei DMF´s sind
ebenso ein Ergebnis der Bemühungen wie die Optimierung und Ergänzung der
technischen Ausstattungen.
Mit der Umbenennung der Einheit in 'Gefahrstoffzug des Kreises Coesfeld' war ein neuer Anfang verbunden. Die Mannschaft, das Material und das Einsatzprofil wurden immer weiter umgestellt und an neue Herausforderungen angepasst. Ziel des Prozesses ist die Aufstellung einer Gefahrstoff- und Umweltschutzeinheit, die sich auf neue Gefährdungslagen eingestellt hat. Statt Atombomben geht es heute um Gefahrgutunfälle und Menschenrettung in großer Bandbreite.
Ein neues Logo steht für diese Veränderungen: Es zeigt ein grünes Vollschutzmännchen mit zwei Gefahrgutfässern und der Umschrift 'ABC-Dienst Kreis Coesfeld – Umweltschutzeinheit'.
Ein erste Bewährungsprobe der Arbeit war der Aufbau und
die tagelange Betreuung einer Dekontaminationsstrecke gegen die Ausbreitung der
Maul- und Klauenseuche (MKS) im Jahre 2004 und jüngst die Fahrt zum
Weltjugendtag. Hier war der Gefahrstoffzug gefordert, Material und Personal zur
Betreuung und Erstversorgung großer Menschenmassen im Unglücksfall
bereitzustellen (Stichwort MANV – Massenanfall von Verletzten). Auch in die
Planung zur anstehenden Fußballweltmeisterschaft wird der Gefahrstoffzug
einsatztaktisch eingebunden. Als es Ende November 2005 zu dem als
„Jahrhundertereignis“ bezeichneten Schneesturm im Münsterland kam, wurde der
Zug alarmiert und arbeitete mit hunderten anderen Helfern aus dem Bundesland an
der tagelang ausgefallenen Stromversorgung.
Für die neuen Aufgabenprofile hat auch der Bund
seine Finanzierung in den letzten Jahren wieder angehoben. Mit zwei neuen
DekonP´s (Dekontaminationsfahrzeug – Personen), großen Zelten und viel
Zusatzmaterial steht die Ausrüstung für die neue Einsatztaktik zur Verfügung.
Die Einbindung und Ergänzung aller technischen und
personellen Ressourcen hat den Gefahrstoffzug zur einzigen Einheit mit einer
solch spezialisierten Ausrichtung und Personalstärke im Gebiet der
Bezirksregierung Münster werden lassen. Allein steht die Einheit aber nicht, es
wird auch die Zusammenarbeit und der Austausch mit dem Löschzug Kemper der
Feuerwehr Münster gepflegt, dem die neue ABC-Ausstattung der Stadt Münster zur Verfügung gestellt wurde.
Zur offiziellen Begrüßung noch in Uniform, dann privat wie alle anderen, eröffnete Zugführer Kersting im vergangenen Sommer 2005 den Jubiläumsabend. Der Rückblick wurde kurz gehalten, denn der Abend sollte weniger förmlich gestaltet sein, als vielmehr ein kameradschaftliches Treffen aller Mitglieder werden. In die Erinnerung rufen konnte Kersting für die jüngeren Kammeraden aber, dass sich ihr Zug stolzer Besitzer des ABC-Leistungswettkampfpokals nennen kann. Bis vor etwa 10 Jahren haben jährliche Wettkämpfe der Katastrophenschutzeinheiten dazu beigetragen, Gerätschaften und Handhabung im Wettbewerb zu erproben und zu verbessern. Im ersten Wettkampf noch zweite geworden, konnte die Gruppe aus Dülmen in den nächsten Jahren zweimal siegen und damit den Pokal 1994 auf Dauer in Empfang nehmen.

Heute arbeitet der Gefahrstoffzug wie auch die Feuerwehren in NRW
nach der FWDV 500 (Feuerwehrdienstvorschrift 500: Einheiten im ABC-Einsatz).
Als letzter Tagesordnungspunkt
vor der Eröffnung des Büffets sind langjährige Aktive für ihre Arbeit geehrt
worden. Die Zugführung hatte sich dazu Anstecknadeln ausgesucht, die das DMF
abbilden und in verschiedenen Farbvarianten für 10-jährige, 15-jährige und
20-jährige Mitgliedschaft vergeben wurden.



